Innovations@DOMOTEX Talks


17.-20. Januar 2015 | Hannover


Mit der Messe DOMOTEX gingen am 20. Januar 2015 auch die Innovations@DOMOTEX Talks zuende. Es waren vier intensive Tage mit spannenden Impulsreferaten und tiefgehenden Diskussionen.

 

 
Nach einem Grußwort des Stadtbaurates von Hannover Uwe Bodemann führte Ross Lovegrove die erste Runde der Talks mit einem Überblick über seine Arbeit und über die Herausforderungen neuer textiler Materialien ein, die ihn dabei begleiten. Damit wurde bereits klar, dass es sich in dieser Diskussion weniger um Sparsamkeit als vielmehr um Kreativität drehen würde. Tamara Pallasch machte deutlich, dass es ihr beim Entwurf in erster Linie um eine emotionale Verortung des Projektes geht, die eigentlich nur über eine entsprechende Atmosphäre geschaffen werden kann. Ein eng gefasstes Budget wäre ohnehin von vornherein gegeben. Ihre Auftraggeber erwarteten keinen Verzicht auf Atmosphäre. Sie gehöre zur Funktion. Funktionalität und Atmosphäre können nicht gegeneinander ausgespielt werden, betonte auch Tristan Kobler. Eine Atmosphäre habe jeder Raum. Funktionalität sei dagegen eher flüchtig. Kaum ein Gebäude oder eine Einrichtung behalte lebenslang die einst geplante Nutzung. Atmosphäre sei nur schwer greifbar und kaum objektivierbar, betonte auch Ushi Tamboriello, sie sei aber ein wesentlicher Teil des Designs. Kreativität führe eher zur Sparsamkeit als der vermeintliche Rückzug in die Funktionalität. Darüber bestand Einigkeit.
 

 
Bei der Gesprächsrunde am zweiten Tag zeigte Roberto Palomba wie sich die Wünsche seiner Auftraggeber auf die Kosten seiner Arbeiten auswirken. Ein guter Designer sei aber in der Lage, auch für wenig Geld kreative Lösungen anzubieten. Joachim Schulz-Granberg stellte seine Studie über „Affordable Living – Housing for Everyone“ vor und zeigte an internationalen Beispielen wie ein bezahlbares Wohnen durch besondere Wohnformen, Minimierung der Flächen, Festlegung und gegebenenfalls Reduzierung von Standards, einen neuen Massenwohnungsbau oder auch durch die Vorfabrikation bestimmter Bauteile erreicht werden kann. Thomas Knerer unterstrich die Notwendigkeit, den Bewohnern in jedem Fall einen angemessenen Spielraum zur gestalterischen Entfaltung in ihrer Wohnung zu geben. Carsten Venus stellte Lösungen vor, die sein Architekturbüro mit Umbauten und Umnutzungen im Bestand erzielt hat. Ein Erstellungspreis von 1.500 Euro pro Quadratmeter sollte dabei erreichbar sein. Verena von Beckerath berichtete von Diskussionen über Standards, die sie in zwei realisierten Baugruppenprojekten geführt hat. Eine Festlegung auf einem niedrigen Ausbauniveau sei durchaus erreichbar und böte zudem individuelle Spielräume - auch bei der Wahl des Bodenbelags.
 

 
Architekten waren immer schon Generalisten. Sie müssen nicht nur umfassendes Wissen über alle Bautypologien haben, sondern auch über gesellschaftliche Zusammenhänge, über psychologische Bedürfnisse und nicht zuletzt über technologische Fragen des Bauens. Aber geht das heute überhaupt noch, angesichts der Explosion von Materialien und Produkten? Ist nicht viel mehr Spezialisierung statt Generalistentum gefragt? Am dritten Tag der Innovation@Domotex Talks gaben die Vortragenden ein klares Votum für eine zentrale Position des „Architekten als Schnittstellen-Koordinator“, so der Titel des Podiums. Gerade in Zeiten, in denen das Baugeschehen immer mehr in Planungsphasen und Fachplanungen „zerstückelt“ werde, so Werner Frosch (Henning Larsen Architects), gelte es, die Strategie von „divide et imperare“ zu durchbrechen. Anstatt sich hinter vertraglichen Abgrenzungen zu verschanzen, sollten die unterschiedlichen Player wieder mehr das informelle Gespräch suchen. Vertrauen und Teamarbeit zwischen Fachplaner und Architekten habe oberste Priorität, so auch Matthias Pfeifer (RKW). An die Hersteller richtete Stephan Ferenczy (BEHF) das Plädoyer, nicht so sehr mit einem Bauchladen an Neuigkeiten, sondern lieber mit hochwertigen Klassikern zu punkten, die dann von Architekturbüros gerne wiederholt verwendet werden. In Zukunft müssen Architekten nicht nur zwischen Gewerken, sondern bei großen Bauvorhaben auch zwischen Bürgern und Politik, zwischen Investoren und Verwaltung vermitteln. Ein Grund mehr, dass Architekten zu „Interface Handwerkern“ werden müssen, so Uli Seher (BRS Architectes).
 

 
Der vierte und abschließende Tag war dem Thema „Transformation statt Kulturverlust“ gewidmet. Die Runde war sich einig: Die Herausforderung des 21. Jahrhunderts liegt nicht so sehr im Neubau, sondern im Um- und Weiterbau. Das gilt besonders für die europäischen Städte. Dafür kann man ökologisch argumentieren –  in Zeiten des Klimawandels gilt es, nicht ständig noch mehr graue Energie mit neuen Gebäuden zu produzieren –, man kann aber auch kulturelle Argumente finden, wie die Schaffung von identitätsstiftenden Bezugspunkten. Damit die ökologischen Potentiale wirklich ausgeschöpft werden, müssen Architekten viel mehr Informationen zur Herkunft von Produkten bekommen, so Johannes Reuter (Reuter Schoger Architekten). Lokale Materialien und Produktionsweisen, wie handgespaltete Holzschindeln (Sebastian Thaut, Atelier ST) oder Ziegel (Christian Heuchel, O+O) prägten die gezeigten Projekte. Und auch die Formensprache knüpfe an vorhandene historische Typologien an. Ging es noch in den 1990er-Jahren darum, Alt und Neu durch klare Brüche zu betonen, gehen heute die Materialien fast nahtlos ineinander über. Bewusst wollen Architekten dabei an Vertrautes und die Sehnsüchte der Menschen anknüpfen, gleichzeitig aber sachte Veränderungen einfügen. Transformation mit Kulturgewinn ist möglich, ohne Nostalgie, aber mit viel Respekt vor dem historischen Kontext.
 

 
(Moderation und Texte: Olaf Bartels und Angelika Fitz)

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