Gemeinsam gestalten


Florian Schmidt

Der demokratische Rechtstaat ist heute das wichtigste System, um gemeinschaftliches Gestalten zu steuern. Doch in dem Wort Gemeinschaft steckt etwas, was staatlicher Kontrolle entgeht. Unser Urbild von Gemeinschaft ist das vom lokalen Zusammenleben einer überschaubaren Anzahl von Menschen. Unter diesen Menschen findet ein gemeinsames Gestalten statt, das sich weniger über Regeln als über realen Face-to-Face-Austausch organisiert. Im angelsächsischen Raum gibt es den Begriff des "Community Design". Damit ist eine Methode gemeint die das gemeinsame Gestalten von Stadt durch lokale Gemeinschaften ermöglicht.

In Deutschland und insbesondere in Berlin hat sich ein Sinn für gemeinsames Gestalten herausgebildet, der in Zeiten des Wut- und Konsumbürgers eine Renaissance lokaler Gemeinschaften belegt. Bauprojekte, die von Baugruppen, Baugenossenschaften oder Syndikatsgruppen iniitiiert und umgesetzt werden, lassen Hausgemeinschaften entstehen. Verfahren wie Quartiersmanagements binden über Jahre Menschen in Entscheidungsgremien ein und bringen Ressourcen in Umlauf, die gemeinschaftlich genutzt werden. Durch komplexe dialogische Planungsverfahren wie Charterte oder Runde Tische werden lang- oder kurzfristig gemeinschaftliche Strukturen des Gestaltens geschaffen.

Nicht nur in Berlin ergeben immer mehr gemeinschaftliche Projekte eine vielfältige Projektlandschaft. Aus dieser kritischen Masse bildet sich eine weitere Gemeinschaft. Es sind Menschen, die die Werte des gemeinsamen Gestaltens miteinander teilen. Zunehmend suchen diese Menschen Foren, um sich jenseits von konkreten Projekten auszutauschen. Es entsteht eine Szene der Stadtgestalter, die immer mehr Zulauf erhalten. Mit Konzepten wie Urban Commons, Sharing oder kolaborativer Planung verfügt diese Szene über ein Methoden- und Wertesystem, das sie von einer politischen Bewegung unterscheidet. Sie ist eine gesellschaftliche Innovation mit hohem Professionalisierungsgrad, die, wenn man genau hinschaut, auch eine Rückbesinnung auf urmenschliche Bedürfnisse ist.
 


Florian Schmidt wurde 1975 geboren. Er ist Stadtsoziologe, Projektentwickler und Stadtaktivist. Seit 2009 leitet er das „Projektbüro Kreativquartier Südliche Friedrichstadt“ (www.kreativ-quartier-berlin.de), das das erste Konzeptverfahren der Berliner Liegenschaftspolitik initiierte und dieses bis heute begleitet. 2011 gründete er mit dem Architekten Arno Brandlhuber und Leonie Baumann, Rektorin der Kunsthochschule Berlin Weißensee, die „Initiative Stadt Neudenken“ (www.stadtneudenken.net). Er ist Mitinhaber von „Urbanitas Berlin Barcelona - Büro für lokale Entwicklung, Kulturproduktion und Kommunikation“ (www.urbanitas.eu) und Gründungsmitglied des Creative Board Friedrichshain-Kreuzberg.

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