Generation Reißbrett: Die Ü40 Architekten – was Sie werden wollten und was sie wurden

Vernissage: 21. Februar 2013 | 19:30 Uhr
Ausstellungsdauer: 22. Februar - 18. April 2013

Haben Sie noch Ihr Diplommodel und die dazugehörigen Tuschezeichnungen? fragten wir zahlreiche renommierte Architekten und Innenarchitekten. Manche versicherten glaubhaft, das Modell schon vor Jahren zerstört zu haben, andere machten obskure Sturmfluten und Feuersbrünste für den tragischen Verlust des tatsächlich hoch ambitionierten Verlustes verantwortlich. Doch von vielen erhielten wir die Zusage, das zumeist schon leicht lädierte Werk zur Ausstellungszwecken zur Verfügung gestellt zu bekommen. Auf diese Weise erhalten die Berliner nun die Gelegenheit zu sehen, wie bei Roman Delugan alles begann und was die GRAFT’s in Ihrer Lehrzeit alles erdachten.

In den 20 oder 30 Jahren, die zwischen dem Diplommodell und den aktuellen Bauten der heute 40 oder 65jährigen liegen, zeigt sich das Ankommen in der Realität der wirtschaftlichen und bautechnischen Zwänge, das Kapitulieren vor dem vorgeblichen Mainstream oder das Treubleiben über jede Modeströmung hinweg. Kaum einmal wird so viel Herzblut und auch so viel Mühe in den Modellbau gesteckt, wie in das studentische Diplom, das Abschluss- und Kulminationspunkt der Studienzeit ist – und das danach bestenfalls auf dem elterlichen Speicher verschimmelt und jedes Jahr aufs Neue zu einem Anruf der Mutter führt, ob man das sperrige Ding denn nun endlich zum gleichnamigen Sperrmüll stellen dürfe.

Wie stehen Sie heute zu Ihren damaligen Entwürfen? Und was wollten Sie damals werden oder besser: Was sind Sie dann tatsächlich geworden? Studentischer Anspruch und architektonische Wirklichkeit klaffen oft weit auseinander – ja eigentlich müssen sie es auch. Denn wann außer zu Studienzeiten hat der angehende Architekt oder Innenarchitekt denn noch die Möglichkeit, seine Visionen, seine Ansprüche und seine Thesen so frei und – trotz aller professoralen Ermahnungen – uneingeschränkt zu realisieren wie im Diplommodell?

 Im Mittelpunkt der Ausstellung steht das Salongespräch am 21. Februar 2013. Mit Eike Becker (Eike Becker_Architekten, Berlin), Albert Dietz (Dietz Joppien Architekten AG, Frankfurt), Georg Gewers (Gewers & Pudewill, Berlin), Jan Kleihues (Kleihues+ Kleihues, Berlin) und Justus Pysall (PYSALL Architekten, Berlin) hat AIT typische Vertreter der Architekten-Generation Ü40 gewonnen. An diesem Abend sprechen diese über Altes, Bewahrtes, verloren Gegangenes oder gereift Architektonisches. Die Moderation übernimmt Julia von Mende, Berlin.

Die Ausstellung: ein „Büdchen Buntes“
Alles begann 2009 in Hamburg. Haben Sie noch Ihr Diplommodel und die dazugehörigen Tuschezeichnungen? fragte damals der AIT ArchitekturSalon zahlreiche renommierte Architekten und Innenarchitekten. Das Resultat? Obwohl manche der angefragten Architekten glaubhaft versicherten, das Modell schon vor Jahren zerstört zu haben, oder andere obskure Sturmfluten und Feuersbrünste für den tragischen Verlust des tatsächlich hoch ambitionierten Werkes verantwortlich machten, erhielt der Salon von vielen die Zusage, das zumeist schon leicht lädierte Werk zu Ausstellungszwecken zur Verfügung zu stellen. So konnten in Hamburg ca. 20 Arbeiten gezeigt werden. Und es wurde weiter gesammelt: In München, Köln und Stuttgart kamen noch etliche hinzu, so dass Berlin nun über 75 Diplomarbeiten der heutigen Ü40-Generation zeigt.

Zu sehen ist ein „Büdchen Buntes“, so könnte man sagen: Tuschezeichnungen, Collagen, Comics, erste Computeranimationen, Modelle aus Finnpappe, Plexiglas, Holz oder Beton. Das Spektrum ist riesig. So hängt hier die Diplomarbeit von Marcus Hille (Hille Architekten, Mainz), neben der von Jan Kleihues (Kleihues & Kleihues Gesellschaft von Architekten mbH, Berlin)Jede Arbeit ist einzigartig, sehenswert und ein Teil ihrer Zeit.

Das Salongespräch:
 Als Auftakt der Berliner Ausstellung werden „typische Architekten“ der Ü40-Generation auf das Podium gebeten: Unter der Moderation von Julia Mende, Berlin, unterhalten sich Eike Becker (Eike Becker_Architekten, Berlin), Albert Dietz (Dietz Joppien Architekten AG, Frankfurt), Georg Gewers (Gewers & Pudewill, Berlin), Jan Kleihues (Kleihues+ Kleihues, Berlin) und Justus Pysall (PYSALL Architekten, Berlin) über Altes, Be-wahrtes, verloren Gegangenes oder Architektonisches gereiftes. Vor allem die Gegenüberstellung von gestern und heute ist ein wichtiges Thema. 

Die Ausstellung über die Welt von Rapidographen, authentischen Ideen und eine Welt, als alles noch etwas einfacher war … ist noch bis zum 18. April im porcelaingres Showroom Berlin zu sehen.


Der Ausstellungsort:
Mit seinen 1100 qm und dem industriellen Charme bietet der Showroom von porcelaingres einiges Potential für neue Wege – nicht nur in der Präsentation der Fliesen, sondern auch in der Darstellung von kreativen Prozessen.

Eine Ausstellung in Kooperation mit porcelaingres.

 

Die Gesprächsrunde:

Albert Dietz (Dietz Joppien Architekten AG, Frankfurt), 1958 in
Saarbrücken geboren,  war 1989 bereits selbständiger Architekt. Nach seinem Architekturstudium an der TU Darmstadt 1978-1986 kehrte er Europa für kurze Zeit den Rücken und ging mit einem Fulbright Stipendium in die USA an die University of Oregon at Eugene. Nach seinem Master of Architecture lehrte er dort für ein weiteres Jahr und sammelte Praxiserfahrung. 1989 zurück in Deutschland gründete er mit Anett-Maud Joppien und Jörg Joppien in Frankfurt am Main das eigene Büro (seit 1997 mit Anett-Maud Joppien), 1992 folgte die Eröffnung eines weiteren Bürostandorts in Berlin.

Eike Becker (Eike Becker_Architekten, Berlin) wurde 1962 in Osterholz-Scharmbeck, Niedersachsen geboren und hat 1983–1990 Architektur an der RWTH Aachen, der Universität Stuttgart sowie der Ecole d’Architecture de Belleville, Paris studiert. Im Wintersemester während des Mauerfalls beschäftigte er sich im Rahmen seiner Diplomarbeit mit einem „IC Hotel am Bahnhof Zoo, Berlin“, was er an der Universität Stuttgart am Lehrstuhl für Bildnerisches Gestalten bei Professor Johannes Uhl bearbeitete. Das Diplommodell aus weißem Plexiglas gibt es heute immer noch. Bevor er als selbständiger Architekt tatsächlich nach Berlin ging, arbeitete er in London bei Norman Foster und Richard Rogers.  1991 folgte die Gründung von Becker Gewers Kühn & Kühn Architekten,  seit 1999 firmiert er unter Eike Becker_Architekten, Berlin.

Georg Gewers (Gewers & Pudewill, Berlin), geb. 1962 in Westphalen, hat während seiner Kindheit und Jugend prägende Jahre im Bildhaueratelier seines Vaters verbracht und sich dort ausbilden lassen bevor er sein Architekturstudium an der RWTH Aachen bei Prof. Gottfried Böhm und Prof. Döring aufnahm. Ihn verbindet mit Eike Becker nicht nur der Studienbeginn 1983 in Aachen, sondern auch die gemeinsame Studienzeit in Stuttgart und Paris und der gemeinsame Berufsweg: Nach seinem Diplom („Umnutzung des Völklinger Stahlwerks in ein kulturelles Zentrum mit Theatergebäude“) an der TU Stuttgart bei Walter Förderer arbeiteten beide bei Foster Associates  in London. 1991 gründeten sie das gemeinsame Büro Becker, Gewers Kühn und Kühn. Seit 2008 ist Georg Gewers Partner im Büro Gewers & Pudewill.

Jan Kleihues (Kleihues + Kleihues, Berlin), geb. 1962 in Berlin, hat dort von 1983-1989 an der Hochschule der Künste Architektur studiert. Im Jahr vor seinem Diplom war er Projektarchitekt bei Peter Eisenman in New York. Ab 1989 arbeitete er bei Daniel Libeskind in Berlin am „Jüdischen Museum“ und von 1991-1992 bei Rafael Moneo in Madrid, dessen Kontaktarchitekt Kleihues mit seinem eigene Büro in Berlin 1992-1998 war. Mit seinem Vater Josef Paul Kleihues und Norbert Hensel gründete er 1996 das Architekturbüro Kleihues + Kleihues. Neben seiner praktischen Tätigkeit engagiert er sich in der Lehre u.a. seit 2011 als Professor am Fachbereich Architektur und Städtebau an der Fachhochschule Potsdam.

Auch Justus Pysall (Pysall Architekten, Berlin), geb. 1961, hat nach dem Architekturstudium in seiner Geburtsstadt an der TU Braunschweig (Diplom 1989) Lehrjahre bei Foster Associates in London verbracht – hier traf er auf Georg Gewers und Eike Becker. Zugleich lehrte er an der Architectural Association. Bevor er - ebenfalls in Berlin - sein eigenes Büro mit Peter Ruge gründete, zog es ihn nach Paris wo er im Atelier Jean Nouvel arbeitete. Bis 2011 firmierte er als selbstständiger Architekt in der Partnerschaft  Pysall . Ruge Architekten in Berlin und in Hangzhou, China. Heute führt er das Büro Pysall Architekten.

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